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13.10.2008

Lesezeit: etwa 6 Minuten

Consumo ergo sum

„Ich konsumiere, also bin ich“. So scheint das Credo der „kapitalistischen Weltgesellschaft“ dieser Tage zu lauten. Und offenbar hat der Konsum das Denken nicht nur in diesem kleinen Zitat ersetzt, sondern thront als moderner Götze allmächtig und unfehlbar über seinen Jüngern auf Erden und lässt in seinem Schatten die reißerische Floskel der „westlichen Wertegemeinschaft“ nur mehr als leere Worthülse erscheinen. Welche Werte? Welche Gemeinschaft? Der pervertierte Konsum duldet keine anderen Götter neben sich, keine alternativen Werte und keine sinnstiftenden Gemeinschaften – er ist zu einem totalitären, absolutistischen Dogma verkommen, zu einer neuen Zivilreligion.
„Wir sind Konsumenten. Wir sind Abfallprodukte der allgemeinen Lifestyle-Obsession. Mord, Elend, Verbrechen – solche Sachen interessieren mich nicht. Mich interessieren vielmehr all die Promi-Magazine und Fernsehen mit 500 Kanälen, ein Namensschild a uf meinen Unterhosen… Durch die Werbung sind wir heiß auf Klamotten und Autos, machen Jobs, die wir hassen, kaufen dann Scheiße, die wir nicht brauchen.“ (Zitat aus dem Film „Fight Club“). Der Konsum ist schlichtweg außer Kontrolle geraten. Anstelle der sozioökonomischen Funktion der Bedarfsdeckung ist die ideologisch heraufbeschworene „Gehhilfe“ der Bedarfsweckung getreten, anstelle der wirklichen Wertegemeinschaft die Konsumgesellschaft.

Wirtschaftswachstum über alles

Pier Paolo Pasolini prägte in den 1970ern den Begriff des Konsumismus als Ausdruck eines übersteigerten Konsumverhaltens in den kapitalistischen Gesellschaften und formulierte die These, der Konsumismus sei eine neue Form des Totalitarismus, weil er mit dem Anspruch einher gehe, die Konsumideologie20auf die gesamte Welt auszudehnen, und als deren Folge die Zerstörung der Vielfalt sozialer Lebensformen und die Einebnung der Kulturen in einer globalen konsumistischen Massenkultur vorprogrammiert sei. Die Triebfeder dieser Entwicklung ist der Kapitalismus, mit seinem Irrglauben von unbegrenztem Wirtschafts-wachstum. Das Angebot von Gütern und Dienstleistungen kennt dabei keine Grenzen, und wo immer mehr produziert wird, dort muss nun mal auch immer mehr konsumiert werden – sind die Bedürfnisse der Menschen einmal befriedigt, müssen eben neue Bedürfnisse geschaffen werden. Die Folge: Wir kaufen Scheiße, die wir nicht brauchen.
Die reine Subsistenzwirtschaft ist ein Relikt der Vergangenheit, die Gegenwart gehört ohne Zweifel der Maßlosigkeit und dem Massenkonsum. Diese Konsumkultur wird im Zuge der Globalisierung und dem weltweiten Export des kapitalistischen Wirtschaftsmodells auf den gesamten Erdball ausgedehnt, ohne Rücksicht auf die Folgen für Natur, soziale Strukturen und nicht zuletzt auch für die menschliche Identität. Staatliche Schranken, ethnische Vielfalt und kulturelle Unterschiede werden dabei als Hemmnisse erachtet und müssen zwangsläufig20zugunsten eines globalen homogenen Einheitsmarktes weichen.

Nach uns die Sintflut

Populäre Kritiker dieser neuzeitlichen Erscheinung, wie John de Graaf, David Wann und Thomas Naylor, sprechen in Bezug auf den Konsumismus von der Überflusskrankheit „Affluenza“ – einem Kunstwort aus „Influenza“ und „Affluence“ –, deren Symptome sich u.a. in der Überproduktion von Waren, Unmengen an Müll, sozialer Vereinzelung, Kultur-nivellierung, dem Verlust von Verantwortungsgefühl und Depressionen äußern. Damit avanciert der pure Materialismus zum Leitmotiv sozialen Handelns. Der fortschreitende Identitätsverlust soll durch die Anhäufung von Statussymbolen kompensiert werden. Die gek auften Konsumgüter werden dabei nicht als in sich selbst wertvoll oder anhand ihrer reinen Funktionalität bewertet, sondern dienen gezielt als Sinnvermittler und Identifikations-stifter
Der Konsumismus bricht mit der herkömmlichen Vorstellung, man könne menschliche Bedürfnisse vollkommen befriedigen. Denn dann hätten wir irgendwann nur noch sehr wenige Güterwünsche und die Nachfrage tendierte gegen Null. Allein der Gedanke daran versetzt indoktrinierte Politiker, Unternehmer sowie Konsumenten in eine irrationale Panik vor einer potentiellen wirtschaftlichen Stagnation, die wie das drohende Ende der Welt anmutet, dass sie nur durch ein mindestens ebenso irrationales Verhaltensmuster überwunden werden kann – eben den Konsumismus. „Denn der garantiert die Unersättlichkeit der Güterwünsche – er lässt die Nachfrage nach Konsumgütern unablässig weiter wachsen“, konstatiert Gerhard Scherdorn folgerichtig in seinem Aufsatz „Der Konsumismus hat keine Zukunft“, in welchem er Anmerkungen zum „Konsumistischen Manifest“ von Norbert Bolz, einem eifrigen Verfechter des konsumistischen Lebensentwurfs, wiedergibt.
Bolz vertritt die Auffassung, der Konsumismus versähe alltägli che Waren mit einem spirituellen Mehrwert. „Ein Produkt muss geistig angereichert sein, einen spirituellen Mehrwert haben ... Düfte heißen „Ewigkeit“ und „Himmel“, Zigaretten versprechen Freiheit und Abenteuer, Autos sichern Glück und Selbstfindung.“ Durch solche Anreicherung der Konsumgüter wird die Unersättlichkeit der Güterwünsche sichergestellt – die Wünsche der Menschen werden somit nicht erfüllt, sondern lediglich geködert.
Der Konsumismus ist also genauso wie die Globalisierung sowohl Folge als auch Mittel zum Zweck des Kapitalismus. Und genauso wie der Kapitalismus selbst, ist auch dem Konsumismus eine „Nach uns die Sintflut“-(Un-)Moral inhärent, „mit seiner Naturferne und seiner Achtlosigkeit für die Wirkungen des eigenen Handelns auf die Mit- und Nachwelt“, so Gerhard Scherdorn. Doch eben dieses Denken gilt seit den 1960er Jahren in der Umweltforschung als nicht zukunftsfähig, seit den 1990er Jahren wird es auch in der Wirtschaft zunehmend in Frage gestellt.

Abkehr vom Konsumismus

Im Gegensatz dazu bezeichnet das Konzept der „Nachhaltigen Entwicklung“ (Sustainable Development) eine Entwicklung, die es gegenwärtigen Generationen – und zwar weltweit in gleichem Maße – erlaubt, ihre Bedürfnisse zu befriedigen (intragenerative Gerechtigkeit), ohne nachfolgende Generationen im gleichen Bestreben zu beeinträchtigen (intergenerative Gerechtigkeit) – so die verkürzte Definition gemäß Brundtland-Bericht. Die Produktion bzw. das Unternehmertum, sowie staatliche Institutionen übernehmen bei diesem Prozess eine Schlüsselrolle. Denn „solange die Technik immer mehr Standby-Betrieb, immer mehr Elektrosmog, immer mehr Verbundstoffe, immer mehr Wegwerfprodukte erzeugt, ist es eine unangemessene Erwartung, die Mehrheit der Konsumenten würden sich schon die Mühe machen, damit naturverträglich umzugehen. Sie sind in einem Maße daran gewöhnt, die ständigen Neuerungen als Verbesserungen zu betrachten, dass ein Zurück oder eine Erschwerung ihnen als unmotivierter Verzicht auf moderne Errungenschaften erscheint. So werden sie sich für nachhaltige Lebensstile entscheiden, wenn diese mit moderner Technik einhergehen und mit einem vorwärts gerichteten, fortschrittlich anmutenden Leitbild verbunden sind, das eine ähnlich starke Verheißung ausstrahlt wie vor Jahrhunderten das der Industriegesellschaft. Beides kann nur zusammen mit der Produktion entwi ckelt werden“, schreibt Scherdorn dazu in seinem Aufsatz und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Es ist unumgänglich den Ressourcenaufwand massiv zu reduzieren – zum einen durch die Veränderung der Produktion hin zu höheren Gebrauchswerten und damit auch hin zu einer höheren Ressourcenproduktivität (Effizienzrevolution), andererseits durch die schliche Reduktion der zu befriedigenden Bedürfnisse an sich (Suffizienzrevolution).
Gerhard Scherdorn resümiert in seinem Text daher wie folgt: „Im Einklang mit der Natur produzieren und konsumieren, […] das ergibt ein anderes Leben, das sicher nicht karger, wohl aber ganzheitlicher und befriedigender ist. Freilich werden zu ihm andere Güter und ein anderer Konsum gehören, denn wir werden uns auf Güter konzentrieren, die mit Nachhaltigkeit vereinbar sind. Auch diese werden wir, kein Zweifel, mit symbolischen Bedeutungen versehen; aber das werden keine konsumistischen Symbole sein. Was die Güter heute symbolisieren, sind die überholten Verheißungen des Industriezeitalters: Macht über Natur und Menschen. Im Zeitalter der Nachhaltigkeit […] werden sie symbolisieren, dass wir, statt uns wie ‚interplanetarische Eroberer’ zu verhalten, endlich auf der Erde sesshaft werden und uns mi t der ‚Natur, von der wir ein Teil sind’, versöhnen.“
Die Gleichsetzung von Konsum und Lebensqualität ist jedenfalls weder sinnvoll noch zukunftsfähig und muss daher endgültig der Vergangenheit angehören.

Verantwortlich
Martin Auler
Kreisverband Trier

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